Walt Disney – Pluto’s Blue Note

Liebe Freunde der Nacht
Es ist der Fluch der Wiederholung, der uns umbringt, der uns die Freude raubt und die Freunde, der uns die Welt verengt, der uns die Träume raubt, der uns zu Idioten werden lässt oder Idiotinnen. Es ist der Fluch der Wiederholung. Und es ist die Sucht nach dem erinnerten Augenblick, die uns verführt, wieder und wieder, die Sucht nach dem erinnerten Gefühl, der erinnerten Aussicht, dem erinnerten Geruch, der erinnerten Gemeinsamkeit, dem erinnerten Gedanken, dem erinnerten Lachen, der erinnerten Geste.
Es ist die Sucht nach dem erinnerten Augenblick, die uns in die Wiederholung treibt, in diese Einöde zwischen zwei Einkäufen, diese Beklemmung vor den Feiertagen, diese Ungewissheit vor einem Lohngespräch, diese Sonneneuphorie, diese Regenniedergeschlagenheit.
Der Fluch der Wiederholung drängt uns zur Reproduktion. Wir reproduzieren Gefühle, Gedanken, Gesten, Situationen und nähren damit die Illusion einer Identität. Die Reproduktion gaukelt uns Kontinuität vor, wiegt uns in Sicherheit, beruhigt unser Gewissen. Die Reproduktion errichtet uns ein Denkmal, behängt uns mit Orden, mit Ängsten, mit Unsicherheiten, mit Erkenntnissen, mit Überzeugungen, mit Verrücktheiten, mit Verliebtheiten, mit Werten. Die Reproduktion reproduziert uns zu fahlen Abbildern unserer einstigen Möglichkeiten und Aussichten. Wieder und wieder.
Und wir erinnern uns nicht. Und wir vergessen. Wer wir waren. Und wer wir sein wollten. Oder sein könnten. Das zeugt den Fluch der Wiederholung. Und die Sucht nach dem erinnerten Augenblick.
Nachtgrüsse vom Nachtdenker

Liebe Freunde der Nacht
Wir halten die Sprachlosigkeit aus. Wir hören nichts und sehen nichts. Blind und taub und orientierungslos durchqueren wir unsere Nächte. Wir machen uns nichts vor. Wir sind frei von Illusionen. Schwarz bleibt schwarz. Und Grautöne bleiben grau. Und Farben sehen wir keine. Und hören keine Klänge.
Was helfen uns die alten Griechen, die länger tot sind, als sich ein Mensch je erinnern könnte? Was helfen uns die Propheten des alten und des neuen Testaments? Was helfen uns die Aufklärer und Revolutionäre, die Väter alter Rezepte und Söhne neuer Gedanken? Was helfen uns Überlieferung, Tradition, Kodex, Innovation?
Wir irren blind durch unsere Nächte und erwachen taub vom Lärm der Zivilisationen, dem Geschrei der Märkte. Wir hetzen durch unsere Tage und sehen nichts und hören nichts. Wir setzen uns auf eine Parkbank, wir schreiben paar Zeilen, wir trinken Milchkaffee oder Mineralwasser, wir verlieben und entlieben uns, wir verstehen nichts, wir begreifen kaum, wir irren, blind, taub, orientierungslos.
Wir taumeln weiter und immer weiter. Hallo hier und auf Wiedersehn dort. Wir sitzen zwischen Stühlen, weder Fisch noch Vogel. Wir messen mit ungleichen Massstäben und sehn den Wald vor lauter Bäumen nicht.
(Es ist die Hitze!)
Nachtgrüsse vom Nachtdenker

Liebe Freunde der Nacht
Es ist zwar erst Abend. Aber die Nachtgedanken verfolgen mich bereits den ganzen Tag. Und ich fliehe sie nicht. Im Gegenteil: Ich lasse ihnen Raum. Auch an diesem helllichten Sonntag.
Wir verändern uns. Hoffentlich. Veränderten wir uns nicht, würden wir ersticken; ersticken an uns selbst, ersticken in unserer Wohnung, an unseren Kleidern, an unseren Gewohnheiten, an unseren Ansichten, an unserer Arbeit, an unseren Vorlieben, an unserer Religion, an unserer Philosophie, an unserer Gedankenlosigkeit, an unserem Hunger, an unserer Sehnsucht, an unserem Nichtwissen, an unserer Neugier, an unserer Faulheit, an unserer Nervosität, an unserer Begrenztheit, an unserem Kunstverstand, an unserem Dilettantismus.
Und Dilettanten sind wir. Als Lebende. Wir dilettieren Tag für Tag. In Beziehungen, in Gefühlen, in Gedanken, in Entscheidungen, in Gesprächen. Frühmorgens, bei der Arbeit, während des Essens, vor dem Einschlafen, während des Wachliegens. Wir dilettieren. Weil man leben nicht lernen kann. Man lebt. Und leben kann man nicht zertifizieren lassen. Es gibt kein Diplom für leben. Wir erleben und überleben. Sonne oder Mond, Regen oder Nebel, Wirtschaftskrisen oder Kriege, Mobbing oder Einsamkeit, Niedertracht oder Ignoranz, Verliebtheiten oder Sonnenuntergänge, Lohnerhöhungen oder Kindergeburtstage, Wiederholungen oder Entdeckungen.
Tag für Tag. Woche für Woche. Stunde für Stunde begehen wir Fehler. Und wir wissen nicht, ob Fehler tatsächlich Fehler sind. Weil uns verlässliche Massstäbe fehlen, sofern wir uns nicht nach Ideologien oder Dogmen richten, solange uns Moral oder Überlieferung nicht fesseln, solange wir weder blind glauben noch blind zweifeln.
Also verändern wir uns. Solange wir stolpern. Solange wir einen Ausweg sehen. Solange wir Fragen stellen. Solange man uns nicht begräbt unter Verleumdung oder Vorurteil. Solange wir Abstand nehmen. Solange wir Nähe geben. Solange wir nicht verzweifeln, verändern wir uns, lassen uns die Haare schneiden, kaufen uns neue Hemden, hören neue Lieder, denken neue Gedanken, lernen neue Menschen kennen und neue Sprachen, kochen neue Gerichte, bilden uns neue Meinungen, erinnern uns und verstehen. Irgendwann.
Nachtgrüsse vom Nachtdenker

Liebe Freunde der Nacht
Wir missverstehen uns. Gründlich. Immer wieder. Gestern und morgen. Und heut. Aus Laxheit. Aus Borniertheit. Aus Ungeduld. Aus Versehen.
Wir missverstehen uns. Und das beschwert uns. Und das lähmt uns. Das verunsichert uns und wir denken dem nach, dem Missverständnis. Wir evaluieren, wo es begann. Wir recherchieren und analysieren seine Bestandteile. Wir rekapitulieren seine Eskalation.
Wir missverstehen uns. Meist inaktiv. Meist nebenbei. Wir verstünden uns, im Grund, aber wir misstrauen uns, grundlos, meist. Gegenseitig und selbst. Wir misstrauen dem Verstehen. Und missverstehen: Nein! Wie? Ach! Wo Sie es sagen, jetzt! Hm … Bitte? (Und überhaupt: Was interessiert es mich!)
Wir misstrauen uns. Gegenseitig und selbst. Deshalb missverstehen wir uns. Immer wieder. Und aus Laxheit. Und aus Ungeduld. Aus Borniertheit. Und aus Versehen.
Nachtgrüsse vom Nachtdenker

Liebe Freunde der Nacht
Wir interpretieren uns um Kopf und Kragen. Wir nehmen etwas an und denken darüber weiter. Wir bauen Erkenntnis auf Erkenntnis und es entsteht daraus kein Heim. Wir züchten Einsicht neben Einsicht im bescheidenen Garten unseres Denkvermögens. Wozu?
Ziel aller Dialektik ist schweigen. Oder lachen. Oder denken. Oder Fahrrad fahren. Oder vom Zehnmeter ins Wasser springen. Oder einen Salat zubereiten. Oder eine Oper komponieren. Oder ein Feuer entfachen. Oder ein Haus bauen. Oder verreisen. Oder die Nacht durchtanzen. Oder Klassiker lesen. Oder Bücher verschenken. Oder stundenlang telefonieren. Oder sich unter Wolken legen. Oder ins Bett.
Und da zieht es mich hin, jetzt, liebe Freunde der Nacht.
Nachtgrüsse vom Nachtdenker